Darién Gap Durchquerung: Viel Wille, aber wo ist bitte noch mal der Weg?

Ich muss nicht auf das abnormal verdrehte Bein schauen, um zu wissen:

Ich bin allein im Dschungel.

Keiner wird mich vermissen.

Und ich kann nicht mehr gehen.

Ist das das Ende hier im Darién Gap?

Ein Gastbeitrag von Malte Schostak

Darién Gap Durchquerung: Der erste Versuch

Mein erster Durchquerungsversuch des Darién Regenwaldes im Grenzgebiet von Panama und Kolumbien war bereits denkbar unspektakulär gescheitert: Ich war von Kolumbien kommend in den Dschungel gelaufen und einfach dem falschen Fluss gefolgt. Ich musste noch vor der Landesgrenze aufgeben und auf den eigenen Spuren umkehren, als es irgendwann einfach nicht mehr weiterging.

Darién Dschungel: FARC, Gangster, Sumpf und steile Berge

Der Misserfolg war zu erwarten gewesen.

Gilt dieser Dschungel gerade während der Regenzeit mit seinem schwierigen Gelände ohne Straßen und Wege, dafür aber mit dichtem Dschungel, Sumpf, Minen und steilen Bergen als eines der am schwierigsten zu durchquerenden Gebiete der Welt. Zusätzlich wird es von Schmugglern, einfachen Räubern, rechts gerichteten Todesschwadronen, linken FARC Guerillas und von Gangsterkartellen frequentiert.

Die darin verlaufende Grenze zwischen Kolumbien und Panama kann im Inland nur illegal überquert werden.

Darién Gap: Eine grüne Mauer zwischen Nord- und Südamerika

Der Darién Regenwald wird im Englischen “Gap” Lücke genannt, weil hier alle Verbindungen zwischen Süd- und Nordamerika abreißen auch die vermeintlich von Alaska bis nach Feuerland verlaufende Panamericana.

Im Spanischen heißt es “Tapón del Darién”: Darienstöpsel. Denn der Regenwald schließt hier den Flaschenhals, den das schmale Mittelamerika zwischen Süd- und Nordamerika bildet durch eine natürliche, schier undurchdringliche erste grüne “Mauer”.

Lange wurde der Wald fast gar nicht von Fremden passiert. Erst ein 2017 verhandelter Friedensschluss mit der FARC ließ mir den Trip überhaupt machbar erscheinen. Ein schwedischer Backpacker, der es vor den Friedensverhandlungen versuchte, wurde von der FARC fälschlicher Weise für einen Spion der Amerikaner gehalten und exekutiert. Im Jahr 2015 wurde sein Schädel, mit einem Einschussloch im Hinterkopf, von der FARC an seine Witwe übergeben.

Doch selbst noch in der Nacht vor meinem Aufbruch im Jahr 2018 hatte der Clan del Golfo, das örtliche Verbrechersyndikat, in dem kleinen Dorf, in dem ich mich aufhielt, einen Mann nachts in seinem Haus erschossen. Ob er nur jemand aus dem Ort war, der zu viel über den Schmuggel im Wald wusste oder ob er als Mann des Cartels dort Geschäfte auf eigene Rechnung versucht hatte, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Darién Gap und ich: Der zweite Durchquerungsversuch

Beim zweiten Versuch den Darién Gap zu durchqueren hatte ich es laut meinem GPS bereits über die virtuelle Grenze bis nach Panama hineingeschafft, dort dann aber erneut Zweifel über die einzuschlagende Richtung bekommen.

Der leicht zu verfolgende rutschige Lehmpfad der Schmuggler führte steil in eine dunkle und baumbewachsene Schlucht hinab und in einen trüben, reißenden Fluss hinein. Aber auf dem anderen Ufer einfach nicht mehr heraus!

Nach dem Durchwaten des brusthohen, tosenden Wassers und nach langem Suchen konnte ich doch einen kleinen Tierwechsel finden, der vielleicht auch von wenigen Menschen begangen sein konnte.

Wo aber waren dann die vielen Leute abgeblieben, die bisher den Pfad ausgetreten hatten?

In anderen Gegenden der Welt kennzeichnen die Einheimischen wichtige Wegstellen mit Machetenhieben in Baumstämme. Logisch, dass die Leute, die hier heimlich Menschen und Drogen schmuggelten, an solchen Markierungen kein Interesse hatten.

Aber trotzdem konnten sie sich ja nicht spurlos in Luft aufgelöst haben.

Bevor ich dem Tierwechsel weiter folgen wollte, musste ich sichergehen, dass ich einen besseren Weg nicht einfach übersah. Ich beschloss in immer größeren Ellipsen den Dschungel auf dieser Seite des Flusses abzusuchen.

Dabei war vollkommen unklar, ob der Pfad flussauf oder flussabwärts weiterführte. Und um wie viele Meter oder sogar Kilometer versetzt der Weg wieder beginnen würde.

Und dabei war es passiert…

Von den Bäumen tropfte es jetzt in der Regenzeit konstant. Auch dann noch, wenn der eigentliche Regen dort oben über dem dichten Dach des Waldes vielleicht schon lange aufgehört hatte.

Vom Fluss zog ein feiner Sprühnebel herauf. Der schwarze glatte Uferfelsen war daher von einer dichten grünen Schicht Moos und Algen überwachsen. Auf der war ich ausgerutscht, und während ich selbst mit dem schweren Rucksack Richtung Fluss fiel, war mein Fuß in einer Wurzel hängen geblieben.

Ich spürte wie mit einem Ruck das Gewebe im Knie riss.

Ich brauchte, nachdem ich mich auf den Rücken gewälzt hatte, gar keinen Stehversuch, um zu erkennen, was passiert war: der Schmerz und der unnatürlich verdrehte Unterschenkel verrieten genug:

Das Knie war hin, ich war weit vom nächsten Dorf entfernt und allein im Urwald.

Darién Gap: Komme ich da noch mal wieder raus?

Ich musste bei dieser Gelegenheit feststellen, dass mir offenbar jemand in der Herberge in der letzten Stadt meine Schmerzmittel aus dem Gepäck geklaut hatte. Also blieb mir nun nichts anderes, als das Bein im Liegen mit Hilfe der Machetenscheide und ein paar Packriemen zu schienen.

Das Aufstehen wollte ich mir für morgen aufheben. Deshalb rodete ich gerade oberhalb der Felsen mit der Machete das dichte Unterholz, um genügend Platz für mein Zelt zu schaffen. Dabei behielt ich zwei gerade, dünne Bäume als Krücken für den morgigen Tag.

Geh ich weiter oder zurück?

Und am nächsten Tag klappte das Aufstehen tatsächlich so einigermaßen.

Nun stand ich glücklich und (wortwörtlich!) vor der schwierigen Entscheidung: lieber auf dem längeren bekannten Weg nach Kolumbien zurück zu humpeln, oder von hier ab den unbekannten kürzeren Tierwechsel nach Panama zu wählen?

Ich entschied mich für Vorwärts: Nach Panama!

An manchen Stellen war der Tierwechsel so schmal, dass ich die Füße nicht mehr nebeneinanderstellen konnte. Die Vegetation war dabei so dicht, dass ich versucht war, mich seitwärts hindurchzuschieben.

Ein klaustrophobisches Gefühl, als wäre man ein winzig kleiner Gulliver und zwischen den Seiten eines senkrecht stehenden, riesigen Buches eingeklemmt.

An anderen Stellen verlor sich der Pfad vollkommen. Erschreckende Momente, in denen ich realisierte, dass der Waldboden zu meinen Füßen zu allen Seiten komplett gleich und vollkommen unberührt aussah und ich die richtige Richtung nicht mehr bestimmen konnte. Das was sich dann aber schließlich nach langem Suchen vom Tierpfad wiederfinden ließ, führte leider auch noch im Zickzack und in einem schier endlosen Bogen nach Kolumbien zurück!

Zu wenig Wasser!

Gegen Abend bekam ich Krämpfe.

Bei der feuchten Hitze muss man mindestens 8 Liter pro Tag trinken. Eine Menge, die man bei dem ganzen anderen Gepäck nur schwer tragen kann.

Da reicht ein einziger Tag, so wie dieser, an dem man auf keinen der sonst so häufigen Flüsse stößt, um gefährlich zu dehydrieren. Zum Glück hörte ich in meinem ausgedörrten Zustand noch kurz vor Einbruch der Dämmerung in einer ca. 200 Höhenmeter tiefen und fast senkrechten Schlucht das entfernte, leise Rauschen von Wasser.

Ein gefährlicher Abstieg, zumal mit kaputtem Bein und bei anbrechender Dunkelheit, aber trotzdem eine sehr einfache Entscheidung, ich hatte schlicht keine Wahl:

Ich brauchte das Wasser!

Zu viel Wasser!

Ca. 10 Meter vor dem Boden der Schlucht brach der kleine Baum an dem ich mich gerade hinab hangelte. Kopfüber stürzte ich die Wand hinab und verfing mich mit meinem Rucksack kurz vor dem ansonsten zweifellos harten Aufschlag im Geäst.

Immer noch frei- und kopfunter hängend pendelte ich wie ein verunglückter Fallschirmspringer in der Luft. Bis ich mich befreien konnte. Zum Glück hatte die Schiene das Bein gut gehalten und es war nicht zu einem tieferen Einriss im Knie gekommen.

Unten angekommen war es bereits fast dunkel. Nachdem ich hastig und am Stück 2 Liter Wasser getrunken hatte, stellte ich fest, dass der gesamte Boden der Schlucht von dem seichten Fluss ausgefüllt wurde.

Es gab hier keinen Platz für ein Zelt und viel Raum zum Suchen gab es auch nicht: Der Fluss fiel in Stufen über metertiefe Wasserfälle ab. Und wurde immer wieder durch Barrieren von ineinander verkeilten angespülten Baumstämmen verstopft. Kein gutes Zeichen: was passierte hier bei Starkregen?

Schließlich fand ich einen Felsen mitten in der Strömung. Er war so klein, dass mein Zelt mit allen vier Ecken überhing. Und nun fing es auch noch tatsächlich an zu regnen. Das Wasser stieg schnell, aber glücklicherweise nur so weit, bis die überstehenden Zeltecken gerade leicht zitternd ins Wasser eintauchten.

Viel weiter durfte es nicht mehr steigen, sonst würde ich weg gespült.

Wenn ich hier noch mal heil rauskommen wollte, dann musste ich in Zukunft weniger Fehler machen, ruhiger vorgehen und bessere Entscheidungen treffen.

Mhh, lecker Bratwürste!

Von hier aus sollten es noch fünf Tage bis ins Krankenhaus sein. Die verliefen aber bis auf ein paar Schlangenbegegnungen weitgehend ereignislos.

Einmal in der Zivilisation angekommen verheilte der Meniskusriss binnen sechs Wochen einigermaßen. Aber während dieser gesamten Zeit eiterten meine Hände, die ich beim Kriechen und Klettern im unwegsamen Gelände strapaziert hatte. Irgendeine Infektion aus dem Dschungel hatte sich eingeschlichen und ließ drei Finger nacheinander zu schmerzenden Bratwürsten anschwellen.

Aber dann war ich für den nächsten Versuch bereit.

Darién Gap Durchquerung: Der dritte Versuch

Für den dritten Versuch hatte ich mir nun überlegt, mich einer Gruppe Flüchtlinge anzuschließen. Und dann von der Ortskenntnis von deren Führer zu profitieren.

Die Flüchtlinge kommen fast aus aller Welt: Pakistan, Äthiopien und Haiti zum Beispiel und wollen in die USA. Erste Station ihrer Reise in Südamerika ist dann meist Ecuador, wo sie dank einer liberalen Visapolitik leicht einreisen können. Von hier aus müssen sie noch sieben Länder auf dem Weg nach Norden bis in die USA durchqueren.

Die Flüchtlingsroute durch den Darién

Ich bekam die Mailadresse eines Flüchtlings aus Afrika heraus. Er war bereits hier durchgekommen und schrieb nun drei Wochen später bereits aus Mexiko:

i will forward somebody’s number to u.he is right there in capurgana but doesn’t speak fluent English. He knows those guys driving the boat and those guide in the jungle. I paid him 250 dollars in the boat then took 4 days through the jungle with two guards.but u can equally bargain the price.but put in mind at a certain point in the jungle the guard will disappear then u find your way.”

Die Flüchtlinge sind nur kurze vier Tage durch den Darién unterwegs? Wie kann das sein?

Die Migranten überqueren die Grenze also offenbar nicht von Süd nach Nord auf der langen Strecke im Dschungel: Stattdessen fahren sie nachts in Schnellbooten an der Ostküste Kolumbiens entlang, über die Grenze bis nach Panama hinein. Und dann werden sie am Strand bei Armila in Guna Yala abgesetzt und queren lediglich zu Fuß von Ost nach West in die Mitte des Regenwaldes. Dort treffen sie auf die Panamericana, die weit von Norden aus den USA kommend, als Sackgasse im Wald endet und auf der sie dann weiter reisen.

Flüchtling folgt einer Gruppe im Darien Gap

Das Filmprojekt über den Darién Gap

Eine Filmfirma aus Deutschland meldete sich bei mir zu diesem Zeitpunkt per Mail. Sie wollte mich auf der ersten Wegstrecke von Panama über die Grenze durch den Dschungel bis nach Kolumbien begleiten und aufnehmen. Einige Zeit später trafen sie tatsächlich mit einem acht Mann starken Team ein.

Die einschneidendste Änderung, die mit dem Filmprojekt einherging: meine illegale Durchquerung wurde vom Team mit Namen und Passnummer bei der SENAFRONT (Grenzpolizei Panamas) angemeldet!

Das Filmteam hatte seine Durchquerung im Vorfeld bereits von der panamaischen Grenztruppe genehmigen lassen. Die wollten nun aber nichts mehr von der bereits gegebenen Erlaubnis wissen und verweigerten uns die Einreise über die grüne Grenze.

Eigentlich war damit die Expedition gestorben.

Der Leiter des Filmteams traf die sehr mutige Entscheidung, es trotzdem versuchen zu wollen und die möglichen Strafen der Grenztruppe in Kauf zu nehmen.

Den beiden einheimischen Kontaktleuten Secundo und Caesar war dies aber trotzdem nicht geheuer. Sie ließen die bereits erhaltene Bezahlung immerhin korrekt zurück und verschwanden einfach, um den Problemen mit der SENAFRONT aus dem Weg zu gehen.

Der Boss des Cartels in Capurganá

Am Abreisetag trafen wir dann bereits im Wald auf die Träger und Führer des Filmteams. Sie wurden von E. auf den Weg gebracht, der hier im Ort das 3000 Mann starke Cartel del Golfo, den örtlichen Gangsterclan vertrat.

Ein Teil des Deals für die Erlaubnis zur Durchquerung war es offenbar auch gewesen, dass das Filmteam in Capurganá in einem bestimmten Hotel, das auch dem Kartell gehört, absteigen musste.

Tatsächlich gehört dieses Gebiet den Gangstern: Polizei und Militär hat in der gesamten Gegend nichts zu suchen. Obwohl es auf der Karte zu Kolumbien gehört, ist es doch eigentlich ein selbstständiges Land.

Durch ganz Südamerika hatten mich in den Hostels die “Narcos” Netflix Folgen begleitet. In Medellín habe ich brav die Touritour zu dem Haus unternommen, in dem Drogenboss Pablo Escobar angeblich von der Polizei erschossen wurde.

Nun stand ich neugierig und fast ein bisschen ehrfürchtig vor einem seiner Nachfolger.

Der dicke, große schwarze Mann sah ziemlich genau so aus, wie man sich einen Gangsterboss vorstellen würde. Der Tote in Capurganá´war vermutlich auf seinen Befehl hin liquidiert worden.

Er gab uns D. als Anführer der einheimischen Begleitmannschaft mit auf dem Weg.  D. erzählte, dass er sonst Migranten im Auftrag des Kartells schmuggelt.

Darién Gap Durchquerung: „Strapazen“ auf dem Weg

Ich war ja schon ordentlich akklimatisiert, aber für das frisch eingetroffene Fernsehteam wurde es richtig hart: es ging gleich los und immer wieder 500 Höhenmeter rauf und wieder runter. Auf ganz kleinen, nassen und lehmigen Pfaden.

Zwischendurch musste man immer mal wieder durch Flüsse waten.

Tatsächlich machte es keinen Unterschied, ob man direkt aus einem Fluss stieg oder bei 30-40°C Lufttemperatur und 100 % relativer Luftfeuchtigkeit einfach nur schwitzte: das “Wasser” floss uns ununterbrochen aus der Kleidung.

Zwischendurch sahen wir immer wieder die Spuren der Migranten: weggeworfene Red Bull Dosen und Kleidung, die vermutlich aus absoluter Erschöpfung und Gewichtsgründen aufgegeben wurde. Manche Einheimischen behaupten dies seien die Kleider von ausgeraubten Migranten, die vor Ort auf eingenähte Geldreserven untersucht und dann weggeworfen würden.

Irgendwo überquerten wir dann auch die Grenze zwischen Kolumbien und Panama, ohne es zu merken.

Kein Stein, kein Zeichen markiert hier den genauen Grenzverlauf.

Am Ende des ersten Tages erreichten wir die Stelle, bei der ich an meinem zweiten Versuch den „Weg” verloren hatte und letztendlich abbrechen musste. Unten in der Schlucht trafen wir auf den Fluss, der mir letztes Mal mit seinem Wasser noch mit starker Strömung bis zur Brust ging. Jetzt war das steinige Bachbett fast ausgetrocknet und die mit dunklen Algen überwachsenen Felsen des Flussbettes lagen frei.

Der verlorene Flüchtling im Dschungel des Darién Gaps

Hier trafen wir auf einen jungen Schwarzen im roten T- Shirt. Er begrüßte uns fast euphorisch. Ob er sich tatsächlich so freute, oder ob er angesichts der bedrohlichen fremden Gruppe seine Angst vor Räubern zu überspielen versuchte, wurde nicht ganz klar.

Vermutlich hatte er sich aber genauso verlaufen, wie ich an dieser Stelle ja auch und war froh, jemanden gefunden zu haben, der den Weg kannte.

Tatsächlich ging es von hier aus für uns im Flussbett weiter stromabwärts. Und zwar fast bis zur Zivilisation im Fluss selbst. Da hätte ich beim zweiten Versuch ja noch lange suchen können, wo denn der Weg auf der anderen Seite weitergeht.

Auf dem Weg begann der Flüchtling zu erzählen: Er hieße Dante und komme eigentlich aus Tahiti. Er hatte längere Zeit versucht in Ecuador Geld zu verdienen. Es hatte aber trotzdem nicht für einen Führer gereicht, weswegen er es dann allein und ohne Proviant, Karte, Kompass oder Guide versucht habe.

Das mit dem mangelnden Proviant sei aber kein Problem, weil er wegen Zahnschmerzen eh nichts essen könne.

Abends legte er sich erschöpft auf den Boden und schlief auf ein paar Blättern als Matratze unter freiem Himmel sofort ein.

Auf der Flucht durch den Darién Gap:  Dantes Entscheidung

Am nächsten Tag ging es im Wasser des mittlerweile sandigen Flussbettes weiter.

Noch relativ früh am Morgen erreichten wir eine kaum zu erkennende Abzweigung, an der ein Trampelpfad begann.

D. bedeutete Dante, dass er sich hier entscheiden müsse: unserer Weg würde von hier aus nach rechts zur Küste abbiegen. Das bedeutet ein Dorf und Zivilisation, aber vermutlich auch Kontakt mit der SENAFRONT, der panamaischen Grenztruppe.

Nach links gehe es durch den Dschungel ins Landesinnere.

Dante kämpfte mit sich und dem Risiko.

Die Angst und Erschöpfung waren ihm nun deutlich anzusehen; von der gestrigen Euphorie war nichts mehr übrig. Wie ein erschöpfter Läufer stützte er sich gebückt auf seinen Knien ab.

D., der eigentlich skrupellose Schmuggler, strich ihm beruhigend und erstaunlich fürsorglich über den Rücken.

Dann gab sich Dante einen Ruck und richtete sich abrupt auf. Er verabschiedete sich mit Handschlag von der Gruppe und verschwand ganz allein im Dschungel.

Meiner Einschätzung nach für immer.

Ohne Ortskenntnis, Karte, GPS und Kompass hat man kaum eine Chance je wieder herauszufinden. Wir hatten bisher in zwei Tagen nur neun Kilometer Luftlinie geschafft und dass ohne uns zu verirren. Für ihn wären es jetzt noch 55 Kilometer Dschungel… Der Weg verläuft oft im Fluss. Der aber verzweigt sich immer wieder. Und im Wasser lassen sich keine Hinweise auf die richtige Abzweigung finden.

Nach wenigen Minuten tauchte er weinend wieder hinter uns auf. Dante hatte seinen Traum vom Leben im Wohlstand erst einmal aufgeben müssen. Ich freute mich trotzdem für ihn.

Plötzlich begannen alle um mich herum zu schreien und zu rennen.

Mir war einen Augenblick lang nicht ganz klar, was überhaupt vor sich ging. Dann verstand ich: wir waren an einem Wildbienenschwarm vorbeigekommen. Diese ursprünglich aus Afrika stammende Art ist so aggressiv, dass man ihren Bau gar nicht besonders nahekommen muss.

Die Killerbienen attackieren auch so einfach alles was in ihre Reichweite gerät. Vielleicht war es Zufall, vielleicht zielten die Bienen genau: alle anderen wurden in die Ohren gestochen.

Ich blieb als einziger von den Europäern verschont.

Darién Gap Durchquerung: Im Hinterhalt der SENAFRONT

Da gab es weiter vorne erneut Unruhe in der Gruppe: ich warf sicherheitshalber einen Blick über die Schulter, um im Falle eines erneuten Bienenangriffs eine Fluchtmöglichkeit parat zu haben und stellte fest, dass mir zwei Männer mit Sturmgewehren den Rückzug abschnitten.

Dutzende Bewaffnete in zusammengewürfelter Tarnkleidung hatten im Hinterhalt gelegen und unsere Gruppe vollständig eingekreist.

Ich schaute mich nach Dante um, aber er war nirgendwo zu sehen.

Er war zum Schluss hundert Meter hinter der Gruppe gegangen. Ob aus Erschöpfung oder aus Kalkül ließ sich nicht einschätzen.

Zum Glück stellte sich schnell heraus, dass es sich um eine SENAFRONT Einheit handelte. Die Soldaten Panamas waren unter all den bewaffneten Gruppen, denen man begegnen kann, noch die beste Wahl. Und so entspannte sich die Situation schnell.

Trotzdem war unsere Durchquerung damit beendet, denn die Soldaten eskortierten uns in ihr Hauptquartier.

Sie waren natürlich nicht glücklich darüber, dass wir versucht hatten, sie zu hintergehen. Aber letztendlich rettete uns der Westlerbonus: Wir Europäer kamen alle frei und wurden nicht bestraft, durften aber nicht mehr weiter.

Die Einheimischen Führer hingegen, die vom Grenzverkehr leben, erhielten lebenslanges Einreiseverbot nach Panama. Die beiden Fixer Caesar und Secundo hatten sich also nicht umsonst in Sicherheit gebracht. (Fixer ist im Filmjargon – speziell für Journalisten – ein meist orts-, sprach- und sachkundiger Organisator mit guten Kontakten)

Hoffentlich ist das auch Dante letztendlich irgendwie gelungen: sich in Sicherheit zu bringen.

Über Gastautor Malte Schostak:Autor Malte im Darien

Ich habe Politik studiert und in den zurückliegenden Jahren in sozialen Projekten mit jugendlichen unbegleiteten Flüchtlingen und drogenabhängigen Jugendlichen gearbeitet. Daher gehört Migration und Drogenpolitik schon länger zu meinen Interessensgebieten. Im Jahr 2015 habe ich Flüchtlinge vom Irak aus auf ihrem Weg nach Europa begleitet. Davor habe ich 70 Reisen in abgelegene Gegenden, wie z.B. Grönland, Papua Neu Guinea und die Berge Afghanistans gemacht. (Und suche auch heute noch nach Ideen und Mitreisenden für neue Projekte: Malteschostak@web.de) Die selten durchgeführte und als gefährlich geltende Durchquerung des Darién Gap hat mich auch aus einer Abenteurer Perspektive heraus gereizt.

Dies ist der Link zu dem im Text beschriebenen Filmprojekt: „Darien Gap – Die berüchtigste Schmuggelroute der Welt | Uncovered mit Thilo Mischke”. Ich bin derjenige, der bei 17:02 durchs Bild huscht und „Komm mit uns“ sagt. Das Filmteam hat sich nachträglich entschieden mich aus dem fertigen Film wieder so gut wie möglich raus zu schneiden und die mit mir gedrehte Reportage nicht zu senden. Auch bezüglich Dantes Verbleib unterscheiden sich die Darstellungen.

Wir – Anna & Chris von Blog auf Meer – haben Malte kurz vor seiner dritten Expedition auf den San Blas Inseln kennengelernt und sind auch der Filmcrew begegnet.

Vielen Dank für deinen Erlebnisbericht Malte!

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